Schon Goethe sagte „die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“. Das ist in vielerlei Hinsicht wahr, denn ich hatte einige meiner besten Ideen auf Reisen.

So überkam mich die Inspiration für Skârog, die fliegende Stadt in einem meiner Romane (Erscheinungsdatum: Juli 2017), während eines Urlaubs in Südfrankreich. Wir fuhren an den schmalen Küstenstraßen entlang durch die Berge mit Blick auf das azurblaue Meer und als wir direkt an den Klippen anhielten, sah ich zwischen den Berggipfeln am Himmel eine fliegende Stadt schweben. Ich musste sie mir nicht einmal vorstellen, ich sah sie dort schweben, als wäre sie wirklich da, so perfekt passte sie dort in den Himmel zwischen die schneebedeckten Bergspitzen.

Um manche Geschichten richtig und gut zu erzählen, führt schlichtweg kein Weg am Reisen vorbei. Wie sollte man sonst die Farbenpracht eines marokkanischen Gewürzmarkts, das Gefühl von warmen Sand unter nackten Füßen, den Geruch von Elefantenhaut oder die vielfältigen Geräusche eines Großstadtdschungels authentisch wiedergeben? Das echte Erlebnis macht auch deine Beschreibungen erst so richtig authentisch und glaubhaft.

Nehmen wir zum Beispiel Sonnenuntergänge. Auch die kann man am treffendsten beschreiben, wenn man sie gerade „live“ betrachtet. Das nächste Mal wenn du einen Sonnenauf- oder untergang siehst, nimm dir doch mal die Zeit, genau zu Papier zu bringen, was du da siehst, wie sich das Wunder langsam entfaltet. Das ist nicht nur eine gute Schreibübung, sondern auch Balsam für die Seele. Leider gibt es die schönsten Sonnenuntergänge nun einmal am Meer oder in den Bergen … also, pack die Koffer und ab mit dir! Was für ein Glück für die Menschen, die an einem dieser magischen Orte leben!

Und was ist mit Google?

Aber es geht anscheinend auch anders. Obwohl Autorin Stephenie Meyer noch nie einen Fuß in die nordamerikanische Kleinstadt Forks gesetzt hatte, als sie den ersten Teil ihrer Twilight-Saga schrieb, schaffte sie es, den Ort dank Internetrecherchen sehr ausführlich zu beschreiben. Für ihre Geschichte brauchte sie einen meist wolkenverhangenen, verregneten Ort, an dem sich ihre in der Sonne funkelnden Vampire unbemerkt niederlassen konnten und so googelte sie einfach die Stadt mit der höchsten Niederschlagsrate in Nordamerika. So einfach kann es sein.

Meyers Bücher enthalten zwar phantastische Elemente, doch die Geschichte spielt sich an einem realen Ort ab. Wie ist es aber bei Fantasy-Romanen, die in einer ganz anderen Welt spielen? Man braucht doch nicht zu reisen, um eine rein fiktive Welt zu beschreiben, werden einige von euch sagen. Falsch!

Reisen in fiktive Welten

Natürlich erfindet man beim Weltenbau Dinge, die es so in der realen Welt nicht gibt und die erst in unserem Kopf zum Leben erwachen, ABER auch dabei greifen wir auf wirklich Erlebtes zurück. Unterbewusst erschaffen wir Neues, das sich immer automatisch an Altbekanntes anlehnt. In einem Fantasy-Roman findet man selten etwas, das es so noch gar nicht gibt, zumindest in den Grundzügen ähnelt alles dem Bekannten. Leser sind außerdem schnell überfordert, wenn etwas zu abstrakt und deshalb zu gewollt wirkt. Also, weniger ist mehr und die wirklich guten Fantasy-Autoren kombinieren Bekanntes meisterhaft mit neuen Elementen.

So ist das Gras in G.R.R. Martins Westeros nicht zum Beispiel blau, sondern eben grün wie man es gewohnt ist, in Tolkiens Auenland gibt es zwar fremdartige Hobbithöhlen, alles sonst erinnert aber doch sehr an ein ganz normales englisches Dorf (nur eben mit Hobbits als Einwohnern) und die Stadt Silberglanz in Katharina Secks Roman „Die silberne Königin“ ist zwar unter Schneemassen begraben, doch ist es ganz normaler weißer Schnee und nicht etwa eine gelbe, klebrige Paste (zugegeben, gelber Schnee wäre auch nicht sehr appetitlich gewesen 😝).

Kurz gesagt: auch wenn in einer Fantasy-Welt eben zwei Monde anstatt einem am Himmel stehen, der Winter Jahrzehnte lang andauert oder die Welt von den wundersamsten Wesen bevölkert ist, gibt es eben doch einen Himmel und eine Erde und Himmelsgestirne sowie Jahreszeiten und auch Seen, Flüsse, Gebirgsketten, Wüsten, Wiesen, Meere etc. – eben alles so, wie wir es gewohnt sind. Nur wenige Autoren schaffen etwas ganz und gar Neues und wie sähe das wohl auch aus? Die Phantasie scheint doch ihre Grenzen zu haben.

Also ist es umso besser, dass wir den Stoff für unsere Romane direkt vor unserer Haustür haben oder ihn uns zumindest nach nur einer kurzen Zug- oder Flugreise anschauen und hautnah erleben können. Die Inspiration, sie lauert überall, wir müssen nur mit offenen Augen durchs Leben gehen und vielleicht die ein oder andere Reise wagen, um unseren Horizont zu erweitern.

Lesen ist Reisen im Kopf

Beim Lesen ist es wiederum anders – Lesen ist Erleben im Kopf. In deiner Phantasie kannst du überallhin reisen, während du Zuhause auf der Couch sitzt. Irgendwie fühlt sich Lesen auf Reisen aber auch anders an, intensiver. Es gibt nichts Schöneres als mit einem guten Buch am Strand zu sitzen und zwar in die fremde Welt einzutauchen, in die einen das Buch mitnimmt, aber gleichzeitig die Wellen rauschen zu hören und die Sonne auf dem Gesicht zu spüren. Lesen im Zug hat auch etwas Spannendes, es herrscht so eine Aufbruchstimmung. Ich habe zum Beispiel „Girl on the Train“ von Paula Hawkins durch Zufall auf einer langen Zugfahrt gelesen, wodurch ich erst so richtig in die Atmosphäre der Geschichte eintauchen konnte.

Aber das alles braucht man nicht wirklich, wenn man liest. Auch wenn ich Gefahr laufe, mich zu wiederholen: Lesen ist eben wie Kurzurlaub – wenn der Autor seine Sache gut macht. Und eine gute Geschichte setzt eben oft auch viel Recherche voraus. Also runter von der Couch und raus in die Welt (mindestens ein gutes Buch darfst du natürlich mitnehmen)!

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